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Geheime Briefe an den Marquis Bonus Szene

Geheime Briefe an den Marquis Bonus Szene

Achtzehn Monate später

»Hör auf, auf und ab zu laufen, ja? Du machst mich noch ganz nervös!«

Luke blieb abrupt stehen, als seine Mutter diese Worte zum gefühlt hundertsten Mal wiederholte. Dann drehte er sich plötzlich zu ihr um.

»Es sind zwei Stunden vergangen. Niemand sagt uns irgendetwas. Ich höre nichts als ihre Schreie. Ich verliere noch den Verstand, Mutter. Warum lassen sie mich nicht zu ihr? Ich bin ihr Ehemann, und das ist mein Kind, das sie in diese Welt bringen will. In einem solchen Moment sollte ich an ihrer Seite sein.«

»Und was würde das nützen?«, fragte seine Schwiegermutter, als sie aus dem Gebärzimmer trat.

Vor Hoffnung und einem winzigen Anflug von Erleichterung zitternd, eilte Luke zu ihr. »Mutter, bitte, sag mir, wie geht es ihr?«

»Unsere Bridget mag zerbrechlich aussehen, aber sie ist stärker, als du glaubst. Ihr geht es gut, nichts Ungewöhnliches.«

»Es sind zwei Stunden vergangen«, hörte er sich wiederholen. »Warum ist es noch nicht vorbei?«

Mrs. Dreymon kicherte darüber. »Du hast es ihm nicht gesagt, oder?« Diese Frage richtete sie an seine Mutter, die den Kopf schüttelte.

»Er hätte ohnehin nicht zugehört. Ich fürchte, er ist längst nicht mehr in der Lage, irgendetwas von dem zu hören, was wir zu sagen haben«, erwiderte die Herzogin.

»Trotzdem«, fuhr Mrs. Dreymon fort, »müssen wir irgendwie einen Weg finden, ihn zu beruhigen. Luke, so etwas braucht oft Zeit. Man kann ein Kind nicht hetzen. Es kommt, wenn es bereit ist. Inzwischen geht es Bridget gut. Sie atmet ausreichend und presst so kräftig, wie sie kann. Bisher gab es keine Komplikationen. Sie bleibt stark, für sich und das Baby. Die Hebamme ist überzeugt, dass es nicht mehr lange dauern wird. Ich glaube das ebenfalls. Haben wir ein wenig mehr Vertrauen in sie, ja?«

Luke nickte. Er hatte ihre Worte gehört, doch wie seine Mutter angedeutet hatte, ergaben sie für ihn wirklich keinen Sinn. Warum musste es so lange dauern? Warum musste sie solche Schmerzen leiden? Warum konnte er nicht an ihrer Seite sein? Er hatte noch immer dieselben Fragen.

Er wollte sie im Arm halten, ihr den Schweiß von der Stirn wischen und ihr zärtliche Worte ins Ohr flüstern, wenn auch nur, um sie von den Schmerzen abzulenken.

Er wollte mehr tun, als bloß Vertrauen zu haben; er wollte ihr seine ganze Kraft geben, damit sie daraus schöpfen konnte.

»Ich wusste nicht . . .«, hörte er sich sagen. »Ich wusste nicht, dass es so sein würde, ich habe nicht begriffen, dass es so weh tun würde. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich ihr dieses Kind niemals gemacht . . . Ich fasse sie nie wieder an. Nie wieder. Wir werden einfach glücklich leben und mit diesem einen Kind zufrieden sein.«

Er sah seine Mutter an. »Jetzt weiß ich, warum du nur mich bekommen hast.«

Die älteren Frauen brachen in Gelächter aus, und er verstand nicht, warum.

Wie können sie nur so ruhig sein? Wie können sie darin irgendetwas Komisches finden?

»Mach dir nichts vor, Luke, ich habe nur dich bekommen, weil der Himmel mich nicht mit einem weiteren Kind gesegnet hat. Hätte es nach mir gegangen, hätte ich ein Dutzend bekommen!«

»Aber die Schmerzen – du wärst freiwillig noch einmal durch all das gegangen?«

Seine Mutter zuckte mit den Schultern. »Sobald das Kind da ist, vergisst du sie.«

»Und wenn du es erst in den Armen hältst, ist es all das wert. Denk nach, Luke: Wenn ich beschlossen hätte, nach Francis aufzuhören, wäre Bridget dann jemals geboren worden?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich kann mir ein Leben ohne sie nicht einmal vorstellen. Deshalb hoffe ich, dass ihr nichts passiert.«

»Und das wird es nicht, Cousin«, sagte Gloria, die an seine Seite trat. Sie reichte ihm eine Tasse Tee. »Hier, Kamille. Das wird dich beruhigen.«

»Ich will mich gar nicht . . .«

Sie warf ihm einen Blick zu, der ihm sagte, dass er sich nicht weigern durfte. Also schluckte er den Rest seiner Worte hinunter, nahm die Tasse und trank gierig.

Sie lächelte, als er ihr die leere Tasse zurückgab.

Gloria lebte inzwischen seit Monaten bei ihnen, seit sie erfahren hatten, dass Bridget ein Kind erwartete. Gloria hatte ihre Sachen gepackt und war in ihr Haus gezogen.

Sie hatte gesagt, sie wolle für ihre beste Freundin und Schwägerin da sein. Und genau das hatte Gloria getan. Sie war ihnen wirklich eine große Hilfe gewesen und ein wahrer Segen.

Bridget hatte sich gefreut, sie um sich zu haben, genau wie Luke.

Tatsächlich war er inzwischen dankbar, dass er sich entschieden hatte, seine gemütliche Junggesellenwohnung zu verlassen und in eines seiner größeren Stadthäuser zu ziehen.

Es war bei Weitem nicht so riesig wie das Anwesen seiner Eltern, doch mit beinahe dreißig Zimmern, einschließlich der Dienstbotenräume, war es groß genug, um seine gesamte Familie und das Hauspersonal unterzubringen, ebenso wie die Gäste, die von Zeit zu Zeit bei ihnen weilten.

Auch Marjorie und Francis kamen häufig zu Besuch. Tatsächlich war er sicher, dass sie bereits unterwegs waren, da sie wussten, dass das Kind bald geboren werden würde.

Es war an jenem Morgen kurz nach dem Frühstück gewesen, als Bridget über Schmerzen zu klagen begonnen hatte.

Da ihre Mütter oft bei ihnen waren und fast täglich zu Besuch kamen, je näher Bridgets Geburtstermin rückte, hatten sie sofort gewusst, was geschah.

Schnell hatten sie nach der Hebamme schicken lassen. Dann hatten sie Bridget ins Gebärzimmer gebracht, in den Raum, der eigens für diesen Zweck vorbereitet worden war.

Da er und Bridget getrennte Schlafgemächer ablehnten, hatten sie nicht ihr Zimmer nutzen können, wie es sonst üblich war.

Die beiden älteren Frauen und Gloria hatten es gemeinsam geschafft, alles vorzubereiten, und hatten sich so flink bewegt, als wären sie für diesen Tag geboren worden.

Von seinen Gefühlen und seiner Sorge um seine Frau und sein Kind völlig überwältigt, war er einfach an Bridgets Seite geblieben und hatte ihre Hand gehalten.

Ach, das hatte sich in dem Augenblick geändert, als die Hebamme eingetroffen war. Sie hatte ihn hinausgeschickt, mit der Anweisung, ihn nicht wieder hereinzulassen.

Das war vor zwei Stunden gewesen.

»Du läufst schon wieder auf und ab . . .« Diesmal hatte Gloria es gesagt.

Aus seinen Gedanken gerissen, blieb Luke abrupt stehen. Da wurde ihm bewusst, dass er bereits die Hälfte des Atriums durchquert hatte.

Er wusste nicht einmal, wann er angefangen hatte, sich zu bewegen. Ein tiefer Seufzer entwich seinen Lippen.

»Ich glaube, du solltest versuchen, dich zu entspannen, Luke. Ich bringe dir noch eine Tasse Tee.«

Er hielt sie auf, gerade als sie sich umdrehen wollte.

»Bitte, Gloria, keinen Tee mehr. Tee ist nicht, was ich brauche. Ich muss meine . . . sehen.«

Er beendete den Satz nie, denn in diesem Moment durchschnitt ein durchdringender Schrei die Luft und riss ihm das Herz entzwei.

Bridget!

Seine Knie wurden weich, und er taumelte rückwärts, während er das Schlimmste befürchtete. Dieser Schrei klang anders als die anderen. Er war voller Qual. Er war . . .

Auch diesen Gedanken konnte er nicht zu Ende führen. Seine Beine setzten sich wie von selbst in Bewegung und trugen ihn laufend dorthin, wo er immer hatte sein sollen.

Niemand konnte ihn aufhalten. Nicht die Mütter, nicht Gloria, nicht Pierre und erst recht nicht die Lakaien, die die Hebamme als Wachen vor der Tür postiert hatte. Sie versuchten es zwar, doch auf ihn war längst nicht mehr einzureden.

Mit aller Kraft stürmte er in das Zimmer.

»Bridget!«, rief er erneut, diesmal laut, und eilte zu ihr.

Ungeachtet der Anwesenden zog er sie in seine Arme und küsste ihre Brauen, ihre Augen, ihre Stirn, ihre Wangen, überallhin, wo seine Lippen sie berühren konnten.

Zum Teufel damit, dass sie schweißgebadet war, es kümmerte ihn nicht. Sie war sein.

Tränen füllten seine Augen, als er sich von ihr löste und sie genauer ansah.

Sie wirkte so erschöpft, ausgelaugt, als hätte sie die letzte Kraft verloren, an der sie sich noch festgehalten hatte.

Sein Herz zerbrach in noch kleinere Stücke, und er wusste, dass er sich selbst niemals würde verzeihen können.

»Es tut mir so leid!«, rief er. »Es tut mir so leid, dass ich dir das angetan habe, dass ich dich ganz allein gelassen habe, dass ich nicht früher gekommen bin. Es tut mir so leid, meine Liebe. Verzeih mir niemals. Niemals.«

»Lord Monmouth, deshalb wollte ich Euch nicht hier drin haben«, tadelte die Hebamme ihn. »Da Ihr Euch nun schon hereingekämpft habt, könnt Ihr wenigstens stark für sie sein. Wenn Ihr nur so weinen könnt, was nützt dann Eure Anwesenheit? Wie helft Ihr ihr damit?«

Offenbar waren das genau die Worte, die er hatte hören müssen. Sie brachten ihn sofort wieder zur Besinnung.

Schnell wischte er sich die Tränen fort. Dann fragte er die Hebamme: »Was kann ich tun?«

»Haltet ihre Hände, setzt Euch hinter sie, damit sie sich an Euch lehnen kann. Sprecht mit dem Kind. Ich weiß nicht, irgendetwas! Ihre Ladyschaft hat sich bis jetzt so tapfer gehalten, aber ich fürchte, ihre Kräfte lassen nach.«

Luke tat zuerst das Letzte. Er legte eine sanfte Hand auf ihren Bauch und begann, so leise er konnte, seine Bitte vorzubringen.

»Kleines, ich weiß, du willst herauskommen, damit du deine Mutter und deinen Vater kennenlernen kannst. Mir ist klar, dass es auch für dich nicht leicht ist, aber wir können es kaum erwarten, dich zu sehen, und tun alles, was wir können, um dir zu helfen. Hilfst du uns ein bisschen?«

Dann küsste er ihren Bauch, und ehe jemand ein weiteres Wort sagen konnte, kletterte er aufs Bett und setzte sich hinter sie, die Beine zu beiden Seiten von ihr.

»Nimm meine Hände, meine Liebe«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Halte dich so fest, wie du willst. Nimm dir all die Kraft, die du brauchst. Ich gehe nirgendwohin. Nie wieder.«

Bridget nickte. Sie verschränkte ihre Finger mit seinen und flüsterte als Antwort: »Danke.«

Er küsste ihre Schläfe, und gemeinsam wandten sie sich entschlossen der Hebamme zu.

»Seid Ihr bereit, es noch einmal zu versuchen?«

Sie nickten beide.

»Also gut. Gebt alles, was Ihr habt. Machen wir das zum letzten Pressen. Auf mein Zeichen. Eins . . . zwei . . . presst!«

Bridget presste mit aller Kraft, ihre Nägel gruben sich in seine Handfläche, was Luke nicht im Geringsten störte. Stattdessen gab er ihr alles, was er hatte, und flehte sie stumm an, so sehr zu kämpfen, wie sie nur konnte.

»Ich kann jetzt das Köpfchen sehen. Nicht aufhören, Mylady! Ihr seid fast da!«

Stöhnend zerquetschte sie ihm beinahe die Finger und schöpfte daraus noch mehr Kraft.

Und in diesem Moment erfüllte der Schrei eines Kindes das Zimmer wie Regen nach einem langen Winter – Musik in seinen Ohren, die sein Herz wärmte.

Bridget stieß einen erleichterten Seufzer aus und sank zurück in seine Arme. Mühelos fing er sie auf, hüllte sie in einen schützenden Kokon und war nicht gewillt, sie jemals wieder loszulassen.

»Du hast das so gut gemacht, meine Liebe«, flüsterte er ihr zwischen Küssen ins Ohr. »So gut. Du hast mich so stolz gemacht. Ich liebe dich, jetzt mehr denn je. Ich bete dich von ganzem Herzen an. Du bist so stark und so schön und so unglaublich.«

»Du auch«, flüsterte sie atemlos zurück, während ihre Augen zufielen. »Danke, Luke, dass du zu mir gekommen bist. Danke. Und es gibt nichts zu verzeihen. Wir wollten das beide. Ich würde es tausendmal wieder tun, solange du hier bei mir bist.«

»Ich gehe nirgendwohin, das weißt du. Eher fällt der Himmel vom Firmament, als dass ich deine Seite noch einmal verlasse.«

»Gut«, erwiderte sie. »Gut.«

Gerade da kam die Hebamme mit ihrem Kind in den Armen zurück, sauber gewischt und in eine warme Wolldecke gewickelt.

»Mylord, Mylady, Eure Tochter. Sie ist eine wunderschöne Kleine.«

Beide schnappten nach Luft, als die ältere Frau das Kind behutsam in Bridgets wartende Arme legte.

Und in dem Moment, als Luke sie erblickte, wurden ihm die Worte seiner Mutter plötzlich klar.

All die Qualen der vergangenen Stunden waren augenblicklich vergessen. Nichts anderes zählte mehr als dieses winzige, wunderschöne Geschöpf und die gewaltige Liebe, die sie sofort in seinem Herzen weckte und es wieder heil machte.

»Isabella«, flüsterte Bridget.

»So möchtest du sie nennen?«

Seine Frau nickte.

»Es gefällt mir. Isabella. Isabella Aurora Norlison.«

Bridgets Lippen verzogen sich zu einem tieferen Lächeln. »Es ist perfekt; sie ist perfekt.«

»Sie sieht genauso aus wie du«, erwiderte er.

»Bis auf die Haare, sie hat die goldenen Strahlen ihres Vaters.«

»Und die leuchtenden Augen ihrer Mutter.«

»Unsere«, flüsterte Bridget erneut, mit Ehrfurcht in der Stimme.

Er verstand. Er empfand genauso. Noch immer konnte er nicht glauben, dass sie etwas so Kostbares geschaffen hatten. So Perfektes.

»Unsere«, wiederholte er.

Gerade da hörte er seine Mutter von der Tür her rufen. »Ach, schön! Ich kann nicht länger stillhalten! Ich muss mein Enkelkind sehen. Ich komme rein!«

Da wurde ihm bewusst, dass seine Familie die ganze Zeit dort gestanden und ihnen zugesehen hatte, allem zugesehen hatte.

Und nun strömten sie ins Zimmer: beide Mütter, seine Cousine Gloria und, zu seiner großen Freude, sein bester Freund Francis und dessen hochschwangere Frau Marjorie.

Sogar Mrs. Smith war da.

Und während sie alle entzückt gurrten und das Baby bewunderten, beobachtete Luke sie mit Freude im Herzen. Es war mehr, als er jemals hätte erbitten können.

Isabella war so gesegnet. Sie hatte eine wunderbare, große Familie, die sie von ganzem Herzen lieben und in Ehren halten würde.

Und das Beste war, dass diese Familie nur noch größer werden würde.

An seine Frau und sein Kind gekuschelt, flüsterte er Bridget erneut ins Ohr: »Ich liebe dich. Danke.«

Ihre Antwort kam sofort und von Herzen. »Und ich liebe dich. Für immer.«

Es war die süßeste Melodie, die es je gegeben hatte.

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